frieda r. im Gespräch mit der Autorin Alexandra Alius
Im Oktober 2025 ist der mutige und bewegende Debütroman Wie Schwimmen im Sand von Alexandra Alius im Rote Katze Verlag in Lübeck erschienen. Friederike Römhild hat mit der Autorin darüber gesprochen, was passiert, wenn Mutterschaft zu einer Zerreißprobe wird und das, was eine Mutter am meisten liebt, droht, die Belastungsgrenzen einer Familie zu sprengen: die Kinder – ein adoptiertes und ein leibliches Kind.

Du hast einen Roman über das Thema Mutterschaft geschrieben. Protagonistin deines Romans ist Toni. Was ist Toni für eine Frau und wie lebt sie?
Toni ist Anfang dreißig, sie lebt in München mit ihrem Mann, dem Piloten Ben, und sie wünscht sich sehr lange schon ein Kind, und es will und will nicht klappen. Schließlich entscheiden sich die beiden zu einer Adoption. Anschließend wird Toni schwanger. Sie versucht, alles perfekt zu machen, beide Kinder gleich zu behandeln, gleich zu lieben und gerät in immer größere Schwierigkeiten.
Mutterschaft wird in deinem Roman zu einer Art Zerreißprobe für Toni. Was ist das Schwierigste für sie?
Das Schwierigste ist sicher Tonis Mutterbild, der Anspruch, den sie an sich selber stellt, wie sie als Mutter sein muss, und auch ihre eigene Lebensgeschichte, die sie in ihrer Mutterrolle zu kompensieren versucht, was auf Dauer nicht funktioniert. Für sie kommt noch erschwerend ihr persönliches Bild einer Adoptivmutter und das Schuldgefühl, noch ein leibliches Kind zu bekommen und sich unterschiedliche Gefühle erlauben zu dürfen, hinzu.
Es geht also darum, wer wir selbst sind und welchen Mustern wir folgen. Der Untertitel deines Romans lautet Die Schwierigkeit, eine perfekte Mutter zu sein. Was ist Tonis Vorstellung einer perfekten Mutter?
Es gibt ja die Formulierung, eine hinreichend gute Mutter zu sein, genügt. Es ist vielleicht sogar besser, und das ist weit entfernt von dem Mutterbild, das Toni hat, eben weil sie kompensieren muss, auch ihre eigene Geschichte als Tochter, die sie im Laufe des Buches einholt, mit der sie sich befassen muss. Am Anfang des Romans glaubt Toni, auch wenn der Adoptivsohn schwierig ist und sich früh abzeichnet, dass es kein einfacher Weg wird, dass viel Liebe und Geduld ausreichen. Wenn sie nur genug liebt und geduldig genug ist mit diesem Kind, dann wird es schon alles werden. Aber sie sieht noch nicht, dass sie diese Liebe und Geduld erstmal für sich selbst braucht, um sie an ein Kind weiterzugeben.
Kommt diese Idee maximaler Selbstliebe nicht an seine Grenzen?
Ich weiß nicht, ob es seine Grenze für die Liebe zu sich selbst gibt, das heißt nicht, dass man sich selbst völlig erhöht, sondern dass man seine eigenen Begrenzungen realistischer sieht und wahrnimmt. Aber Tonis Bild von sich als Mutter ist ein fast übermenschliches. Es ist fast ein bisschen größenwahnsinnig, was sie sich vorstellt und versucht, umzusetzen. Aber es gibt Dinge, die sind nicht heilbar, die kann man, die muss man einfach lernen, auszuhalten. Sie gehören zum Leben dazu, egal wie viel wir lieben. Dazu gehört auch, in manchen Momenten als Mutter versagt zu haben, es nicht geschafft zu haben, und diese Erfahrung auch an seine Kinder weitergeben zu können.
Was beschreibst du mit dem Titel Schwimmen im Sand für ein Gefühl oder Zustand, und wie bist du auf diesen Titel gekommen?
Wie ich auf diesen Titel gekommen bin, kann ich gar nicht mehr wirklich sagen, er war plötzlich da, zu meiner eigenen Verwunderung. Ich habe es nicht so sehr mit Schwimmen. Der Titel beschreibt Tonis Erleben, alles zu geben und noch viel mehr. Sie versucht, diese Beziehung zu ihrem Adoptivsohn, ihre Familie zu retten und je stärker sie sich bemüht, desto mehr verstrickt sie sich in die Beziehungen und in ihre eigenen Ansprüche und verliert sich selbst mit der Zeit. Das heißt, sie kommt nicht vorwärts, sie steckt fest.
Ein großes Gefühl der Ohnmacht, das sie erlebt?
Absolut, ja.
Wird Toni am Ende aus der Ausweglosigkeit rauskommen, ohne dass wir zu viel verraten wollen?
Sie wird aus der Ohnmacht herauskommen, was nicht die gewisse Ausweglosigkeit mancher Situationen und Erfahrungen aufhebt.
Das heißt, den Widerstand oder auch den Widerspruch auszuhalten und leben zu können, das könnte so ein wenig die Botschaft sein. Müssen wir vielleicht noch mehr, als uns zu lieben, lernen, uns zu akzeptieren?
Widerstand, das finde ich einen sehr treffenden Ausdruck, weil auch Toni ihren Widerstand erstmal aufgeben muss. Sie leistet erbitterten Widerstand gegen die Situation, gegen das, was schiefläuft, was schwierig ist und erst in dem Moment, in dem sie diesen Widerstand aufgibt, kann sie Wege, einen anderen Umgang damit finden.

Mutterbilder sind auch stark von dem geprägt, was wir als Töchter erlebt haben. Was ist Tonis Mutter für eine Frau und welches Mutterbild hat Toni vermittelt bekommen?
Toni hat von ihrer Mutter ein anderes Bild vermittelt bekommen als das, was sie als Reaktion dann selbst entwickelt hat. Sie hat in der Beziehung zu ihrer Mutter vieles vermisst, viel Unsicherheit erlebt. Ohne den Grund zu verstehen, ich möchte da auch nicht weiter vorgreifen, welche Geschichte die Mutter hat, aber sie hat ihre Geschichte und Toni hat die Auswirkungen dieser Geschichte erlebt und dann so etwas wie eine Gegenreaktion entwickelt: Bei mir wird das ganz anders, ich werde das alles ganz anders machen.
Toni und ihre Mutter sprechen wenig miteinander. Warum sind Mutter-Tochter-Beziehungen oft so schwierig?
Mütter wollen ihre Töchter schützen und verschweigen vielleicht so manches übers Frausein, oder sie wollen, dass ihre Tochter es im Leben anders macht als sie selbst, haben unbewusst Erwartungen, wie ihre Tochter sein soll. Und die Tochter muss sich irgendwann auch abstoßen, um ihre eigene weibliche Identität zu finden.
Gehen Mutter und Tochter in Konfrontation?
Nein, überhaupt nicht, Toni schützt auch ihre Mutter, sie fühlt sich nicht im Recht oder hält sich für zu anspruchsvoll; sie glaubt, mit ihr selbst stimmt etwas nicht und darüber kann sie nicht reden, weil natürlich würde ihre Mutter sagen: so ein Blödsinn. Ich glaube, dass Mutter-Tochter- Beziehungen heutzutage anders sind. Heute redet man mit seinen Kindern über Gefühle. Früher dachte man, gewisse Dinge gehen auch die Kinder nichts an, womit die Eltern zu kämpfen haben, was nicht bedeutet, dass Kinder das nicht trotzdem spüren, wenn irgendetwas schwierig ist und das dann auch auf sich beziehen.
Gibt es Figuren in deinem Roman, die weitere Perspektiven auf das Thema Mutterschaft werfen?
Es gibt Tonis Mutter, die ihr immer ein bisschen zu kühl und zu distanziert ist. Es gibt dann noch die beste Freundin, Rebecca, die Toni durch den ganzen Roman begleitet. Sie hat ihre eigene Antwort gefunden. Sie ist die älteste Tochter von fünf Mädchen und hat auf viel Fürsorge, die ihre Geschwister bekommen haben, verzichten müssen. Ihre Antwort war ein unabhängiges Leben. Sie wollte keine Kinder, hat keinen Kinderwunsch verspürt und ist der Meinung, sie hat schon genug geleistet in dieser Hinsicht.
Ein Adoptivkind ist auch deshalb etwas Besonderes, weil die ersten Prägungen dieser Kinder in der Hand der leiblichen Mutter lagen. Mit wie vielen Jahren kommt Leon in die Familie und wie viel weiß Toni über seine Herkunft und seine leibliche Mutter?
Leon ist 19 Monate alt, als er zu Toni und Ben kommt, was eigentlich sehr klein ist, aber auch er hat die prägende Zeit damit schon hinter sich, was dann an seinem Verhalten und an seiner Vertrauensfähigkeit deutlich wird. Toni weiß von seiner Mutter relativ wenig, die Mutter möchte auch keinen Kontakt zu ihrem Kind haben, es gibt aber eine Zwillingsschwester der Mutter, die sehr wohl Kontakt zu dem Kind haben möchte. Toni möchte das auch erfüllen, sie möchte alles richtig machen, sie möchte dem Kind seine leibliche Familie nicht vorenthalten, unterschätzt aber die Dynamik, die sich zwischen beiden Familien aufbaut.
Und es entsteht noch mehr Druck.
Ja, ganz genau.
Mit Leon sind es nicht nur Anfangsschwierigkeiten. Je älter er wird, desto schwieriger wird es, ihn in das Leben und in den Alltag zu integrieren, in soziale Beziehungen zu bringen und in der Schule zu sozialisieren. Hat Toni damit gerechnet und wie geht sie damit um?
Toni hat nicht damit gerechnet, nicht eine Sekunde, vielleicht ist sie auch etwas naiv an die Sache herangegangen, aber ich möchte damit auch zeigen, dass Adoptiveltern, die in schwierige Situation geraten, von der Bildfläche verschwinden. Sie reden nicht darüber. In Romanen über Adoption, wenn man sie überhaupt findet, gelingt es am Ende doch irgendwie mit viel Liebe und Geduld. Es gibt diese Adoptiveltern, die sicher ähnliches wie Toni erleben, nirgendwo. Sie sind nicht sichtbar. Und ich denke, es ist auch ein Stück weit die Scham, weil man glaubt, man hat es nicht gut genug hinbekommen.
Ist es auch ein gesellschaftliches Tabuthema? Müssten nicht die Institutionen, die Jugendämter, die eine Verantwortung tragen, darüber reden? Wie gut sind Adoptiveltern eigentlich vorbereitet?
Ich denke, Adoptiveltern werden schon vorbereitet, dass ein Adoptivkind zu haben etwas anderes ist, als ein leibliches Kind zu bekommen, dass das andere Familien sind, aber das ist alles reine Theorie. Man hört das, man verarbeitet es, man sagt sich, ja, wir wissen das und wir werden dann so und so damit umgehen. Ich glaube, die Problematik ist eher die Begleitung. Das Adoptiveltern mehr und längere Begleitung brauchen, weil man in dem Moment, in dem das Kind adoptiert wird, einfach diese öffentliche Fürsorge nicht mehr hat, wie sie zum Beispiel in Pflegekinder-Verhältnissen ganz normal ist, dass man jederzeit Ansprechpartner hat und um Hilfe und Unterstützung bitten kann. Das fällt bei Adoptiveltern im Großen und Ganzen weg.
Hat Toni das Gefühl, alles allein schaffen zu müssen?
Ja, auf jeden Fall, und Toni traut sich vielleicht auch nicht wirklich, Hilfe beim Jugendamt anzufordern, weil wenn sie nicht angeboten wird, dann wird von ihr, so denkt sie, erwartet, sie muss das allein schaffen. Für sie ist es ein Zeichen von Schwäche, wenn sie wirklich vehement auftreten muss, um Hilfe zu bekommen.

Auch Tonis Ehe wird auf die Probe gestellt. Welche Rolle spielt ihr Mann Ben?
Sie fühlt sich sehr allein gelassen von Ben, aber Ben hat auch von Anfang an eine andere Haltung zur Adoption. Er möchte einfach, dass seine Frau glücklich ist, und er hat nichts gegen eine Adoption, aber er hätte auch noch länger warten können und hat eigentlich immer gesagt, es wird irgendwann schon noch klappen mit einem Kind. Als er gesehen hat, dass Toni damit überhaupt nicht leben kann, hat er eingewilligt. Ben ist Pilot und viel weg, Toni ist also zwangsläufig viel allein mit dem Kind, was sie sich am Anfang zutraut. Ben versteht Toni nicht immer, setzt sie später unter Druck, es entsteht immer mehr Druck, weil sie sich den Provokationen von Leon nicht widersetzen und sie nicht länger an sich abprallen lassen kann, was Ben von ihr erwartet. Aber auch Ben wird im Laufe der Geschichte immer weiter hineingezogen und auch er verliert diese anfänglich rationale Haltung in manchen Momenten, aber er ist auf jeden Fall klarer, er kann sich besser abgrenzen als Toni. Und er hat diese Skrupel und diese Erwartungen nicht, die Toni hat.
Du erzählst von den emotionalen Ausbrüchen mit denen Adoptiveltern konfrontiert sein können. Der permanente emotionale Stress zu Hause, aber auch in Kindergarten und Schule wird zu einer großen Belastung für die Familie. Denken die beiden jemals daran, aufzugeben, kann man überhaupt aufgeben, wenn man Adoptiveltern ist?
Ja, die beiden haben diese Gedanken, einmal in Hinblick auf das Kind, aber wie du schon gesagt hast, man kann eine Adoption nicht einfach auflösen, egal, was passiert, man bleibt Mutter und Vater dieses Kindes. Und es gibt auch Momente, in denen sie, jeder für sich, daran denken, die Beziehung aufzugeben, weil es so schwierig geworden ist. Vieles, auch die Ehe zwischen Toni und Ben, wird sehr brüchig.
Trotzdem halten sie aneinander fest und Toni fängt dann doch an, sich Hilfe zu suchen, als das Familienleben eskaliert, die Ehe droht zu zerbrechen. Beim wem sucht sie sich Hilfe?
Toni spricht mit einer Therapeutin über Leon, nachdem die Therapie, die Leon gemacht hat, überhaupt nicht geholfen hat. Als sie auch in Ben keine Unterstützung mehr findet, kommt sie an den Punkt, sich Hilfe suchen zu müssen. Die Therapeutin ist ihr auf dem weiteren Weg eine große Stütze und gibt ihr, wenn Toni einzubrechen droht, Halt. Sie beginnt sehr spät damit, nicht nur durch die Probleme mit Leon aufzuarbeiten, sondern sich mit ihrer Mutter und ihren eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Sie deckt ein Geheimnis ihrer Eltern auf, dass sie völlig aus der Bahn wirft. In dem Augenblick wird ihr klar, das schaffe ich nicht allein.
Wie bewältigt Toni die Scham, die sie empfindet?
Indem sie aus der Überforderung geht, innerlich. Sie kann der Schuld nicht entgehen, niemand kann das, und sie ist eben auch nur ein Mensch, keine Supermutter. Sie hat Schuldgefühle gegenüber Leon, als sie schwanger ist, sie bekommt später gegenüber ihrem leiblichen Sohn Schuldgefühle, weil er viele Dinge mitmachen und aushalten muss, die ein Kind in seinem Alter eigentlich nicht erfährt und erlebt. Sie versucht, ihn zu schützen, so gut es geht, aber stößt immer wieder an ihre Grenzen. Und irgendwann ändert sie ihre Haltung zu sich selbst. Auch Julien wird in dieser Geschichte sein Päckchen zu tragen haben und manche Entscheidungen erzwingen. Es war mir wichtig, über solche Konstellationen zu schreiben oder das anzusprechen: Was bedeutet so eine Adoption eigentlich für leibliche Kinder? Toni erfährt in ihrem Umfeld Reaktionen wie „Ach, der arme Leon, und jetzt kommt noch ein leibliches Kind dazu“, was Toni sehr viel ausmacht. Die Geschwisterreihenfolge ist schwierig. Bei Adoptionen wird eigentlich angestrebt, dass das leibliche Kind immer älter sein muss als das angenommene Kind, weil das jüngere Kind viel Zuwendung braucht und das leibliche Kind dann schon seinen festen Platz in der Familie hat.
Du hast angedeutet, wie wenig die bisherige Romanliteratur diese Fragen behandelt, das macht deinen Roman so mutig: Gibt es einen Unterschied in der Liebe zu einem Adoptivkind und einem leiblichen Kind und wenn ja, wie geht eine Mutter damit um?
Grundsätzlich kann ich nicht sagen, ob es einen Unterschied zwischen den Gefühlen zu einem Adoptivkind und einem leiblichen Kind gibt, ich kann sagen, dass es bei Toni so war, dass sie unterschiedlich empfunden hat, sie war schwanger, sie hat das leibliche Kind zur Welt gebracht, hat es gestillt, hat es als Baby im Arm gehalten, was sie mit Leon alles nicht erfahren hat, aber ich habe von Adoptiveltern gehört, die sagen, sie erleben keinen Unterschied. Es gibt auch Adoptiveltern, die keine leiblichen Kinder haben und sagen, sie würden diese nicht mehr als ihr Adoptivkind lieben. Für Toni gibt es diesen Unterschied. Es geht darum, ob er sein darf.
Toni beweist viel Ausdauer, aber sie greift auch öfter mal zu einem Glas Wein und sucht Ablenkung in der Kunst. In den Einrichtungen, in denen Leon ist, klappt es nicht, Toni ist auf Hilfe angewiesen. An welche Systemgrenzen stößt sie?
An viele. Leon ist nirgendwo integrierbar, und es gibt keinen Platz für solche Jugendlichen wie ihm. Es gibt sozialpädagogisch und traumapädagogische Einrichtungen, es gibt Intensivgruppen, und Leon durchläuft diese alle, aber er kann nirgendwo gehalten werden und er findet nirgendwo Halt. Was er bräuchte, wäre eine andere Form der Betreuung, weil er nicht fähig ist, sich in Gruppen zu integrieren, weder in der Familie noch in einer Wohngruppe. Irgendwann gibt es einfach keine anderen Angebote mehr, was auch finanzielle Gründe hat. Was das Angebot der Jugendhilfe anbelangt, ist Tatsache, dass solche Kinder dann durch das System fallen und nur durch Zufall vielleicht auf einen Betreuer treffen, der gerade das richtige Händchen hat oder der irgendetwas ausstrahlt, was dieses Kind bindet. Und es gibt auch viele Wechsel in solchen Gruppen, was nicht ausreichend aufgefangen wird, weil diese Kinder Bindungsabbrüche haben und dann von einer Bezugsperson zur nächsten weitergereicht werden.
Dadurch wird das Bindungstrauma weiter verstärkt, das ist fatal. Spätestens seit dem gleichnamigen Kinofilm kennen wir den Begriff »Systemsprenger«, aber wird mit diesem Begriff das Problem nicht auch etwas auf das Kind zurück verlagert. Es ist das Kind, dass das System sprengt, aber das System bleibt dasselbe? Integration von Kindern und Jugendlichen, und das ist sicher auch eine Botschaft deines Romans, ist nicht verhandelbar, deshalb ist sie eine so große Herausforderung.
Ein Problem ist die Bürokratie, zum Beispiel wenn es um eine Schulbegleitung geht. Es ist ein so gewaltiges Prozedere, überhaupt diesen Antrag zu stellen, dann die Wartezeit in Fällen, bei denen es einfach dringend ist. Es ist enorm schwierig, gewisse Hilfen zu bekommen und sie zeitnah zu bekommen, wenn nicht schon wieder so viel passiert ist in der Zwischenzeit, dass es nicht schon wieder die nächste Form der Hilfe bräuchte.
Du verarbeitest in deinem Roman eigene Erfahrungen. Wie viel von deinem Leben steckt in deinem Roman?
Das kann ich prozentual nur schwer angeben. Ich habe ein Kind adoptiert und ich habe ein leibliches Kind, ich habe sicher viele Erfahrungen wiedergegeben, ich habe sie verändert, in manchen Bereichen kann ich gar nicht mehr sagen, war es jetzt eigentlich so, wie ich es erzähle, oder habe ich das erfunden. Viele Dinge sind nicht wirklich so passiert oder sie sind anders passiert. Es sind die Themen, die authentisch sind.

Es ist mutig und wichtig, dazu zu stehen, dass du Erfahrungen aus deinem Leben verarbeitest. Wie lange hast du an deinem Roman geschrieben?
Sehr viele Jahre, aber das Schreiben begann nicht mit dem Roman. Ganz zu Beginn dieser Zeit, schrieb ich einfach, weil ich dachte, das musst du aufschreiben, das glaubst du dir in ein paar Jahren selbst nicht mehr, was du da erlebt hast, und im Laufe der vielen Jahre, auch mit jahrelangen Unterbrechungen, hat sich irgendwann diese Idee entwickelt, ich schreibe einen Roman zu diesem Thema. Die letzten fünf Jahre habe ich dann wirklich intensiv an diesem Roman gearbeitet.
Irgendwann auf diesem Weg haben wir uns kennengelernt und miteinander zu arbeiten begonnen, und je mehr du in die Stoffentwicklung gegangen bist und auch je mehr Zeit vergangen ist, desto mehr konntest du fiktionalisieren, könnte man das so sagen?
Ja, das kann man auf jeden Fall so sagen. Und ich habe in dieser Zeit auch nach Romanen zu diesem Thema gesucht, weil ich sehr gerne Romane lese, also lieber Romane lese als Ratgeberliteratur, weil ich die Entwicklung von Figuren so spannend finde. Es gibt ein Zitat von Toni Morrison, die sagt, wenn du ein Buch gerne lesen möchtest, das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
Was war das Schwierigste, was das Schönste am Entstehungsprozess deines Romans?
Das Schwierigste war der autobiografische Aspekt. Zum einen, weil das viele schlimme Erinnerungen auch wieder an die Oberfläche holt. Zum anderen, wie schon angesprochen, war es schwierig, einen Roman zu einem Thema zu schreiben, über das niemand gerne spricht, weil es Schamgefühle auslöst. Ich wurde auch oft gefragt, ob ich denn unter einem Pseudonym veröffentlichen möchte. Ich habe auch darüber nachgedacht, aber ich habe mir gesagt, nein, ich schreibe auch gegen diese Scham an, die man in dieser Situation als Mutter empfindet. Das Schönste war, als ich sagen konnte, es funktioniert, ich kann das unter meinem Namen veröffentlichen, es ist in Ordnung für mich. Das gehört zu mir und meinem Leben. Als ich merkte, dass Toni zu einer eigenen Figur geworden war, war das ein ganz besonderer Augenblick, weil sie sich aus mir herausgelöst hatte und zu einer Kunstfigur geworden war. Ja, das habe ich sehr intensiv erlebt und empfunden.
Die Angst, verletzt zu werden oder keine Empathie zu erfahren, ist natürlich hoch. Gibt es, trotz der wenigen literarischen Stimmen zum Thema, Autoren, die dein Schreiben und das Finden deiner Erzählstimme geprägt haben?
Ein Roman, der mich sehr berührt hat, war von Edna Mazya, Über mich sprechen wir ein anderes Mal. In dem geht es zwar nicht um Adoption, aber um Mutterschaft in all ihren Facetten, um Familiengeheimnisse und um eine wirklich überhaupt gar nicht perfekte Heldin, die sich aber wirklich wacker schlägt und am Ende auch ihren Weg gefunden hat. Auch ihr Stil, wie sie schreibt, hat mich begeistert. Ich habe das Buch mehrere Male gelesen. Wichtige Autoren sind für mich außerdem Benedict Wells (Vom Ende der Einsamkeit), Siri Hustvedt (Was ich liebte), Elizabeth Strout (Die Unvollkommenheit der Liebe) und die Romane von Wally Lamb.
Was würdest du einer Mutter heute sagen, was ist das Wichtigste am Muttersein?
Sein eigenes Mutterbild zu überdenken und sich nicht zu sehr an Maßgaben von außen zu orientieren. Ein Kind zu bekommen, ist immer verunsichernd, immer neu und eine wahnsinnige Verantwortung, die man so vorher noch nie hatte. Eine Mutter sollte sich treu bleiben und sich nicht scheuen, um Hilfe zu bitten. Und es ist wichtig, sich nicht nur als Mutter zu identifizieren, was auch sehr schwer ist, weil man nach der Geburt erstmal nur Mutter ist, das ist auch in Ordnung.
Wenn man sich selbst verliert, kann man auch für keinen anderen mehr wirklich da sein.
Ja, man ist gut beraten, an Kindern keine eigenen Wunden heilen zu wollen, soweit man sich dessen überhaupt bewusst ist, sondern sein Verwundetsein anzunehmen und sich bewusst zu machen.
Das ist eine ganz wichtige Botschaft. Liebe Alexandra, ich danke dir sehr herzlich für das Gespräch.
Lesung: 20. Januar 2026, 19 Uhr
Schriftstellerhaus Stuttgart
Kanalstraße 4, Stuttgart
Mehr zu Alexandra Alius:
www.alexandra-alius.de
www.rotekatzeverlag.de/shop/roman/wie-schwimmen-im-sand-alexandra-alius/
© Das Gespräch führte Friederike Römhild am 30. November 2025.


